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IDENTITÄT – Weißt du eigentlich, wer du wirklich bist?

  • Autorenbild: Monika Viviall
    Monika Viviall
  • 5. Juli
  • 7 Min. Lesezeit

Wenn man Menschen fragt, worüber Kriege geführt werden, kommen meist ähnliche Antworten: Geld, Religion, Politik, Macht oder Ressourcen. Natürlich spielen all diese Dinge eine Rolle. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass hinter vielen Konflikten etwas noch Grundsätzlicheres steckt.

Eine einzige Frage:

«Wer bin ich?»

Oder vielleicht noch genauer:

«Woran hänge ich mein Gefühl von „Ich“?»

Warum verteidigen Menschen ihre Religion oft leidenschaftlicher als ihre eigenen Werte? Warum werden sie wütend, wenn jemand ihre Nation kritisiert? Warum halten sie an Traditionen fest, die sie selbst nie bewusst gewählt oder hinterfragt haben? Und warum können Diskussionen über Parteien, Flaggen, Sprachen oder sogar Währungen so emotional werden?

Ich glaube, die Antwort liegt in unserer Identität.

 

Bevor wir darüber sprechen, müssen wir jedoch zwischen zwei verschiedenen Formen von Identität unterscheiden. Die erste nenne ich die innere Identität, die zweite die übernommene Identität.

Die innere Identität ist das, was aus uns selbst kommt. Dinge, die wir oft schon sehr früh spüren und die nicht von außen an uns herangetragen werden müssen: unsere Talente, bestimmte Eigenschaften und Vorlieben. Bei mir ist das zum Beispiel das Singen. Niemand musste mich davon überzeugen zu singen. Niemand musste mir erklären, dass Musik etwas Schönes ist. Ich liebte sie einfach. Sie war da. Andere Menschen entdecken schon als Kinder ihre Liebe zum Sport, zum Kochen, zu Pflanzen, zu Büchern, zur Kunst oder zum Helfen. Manche verspüren eine tiefe Neugier auf die Welt, andere einen starken Drang, kreativ zu sein oder etwas zu erschaffen. Diese Dinge scheinen oft aus einem sehr persönlichen, inneren Ort zu kommen.

Über diese Form der Identität möchte ich heute jedoch nicht sprechen.

Mich interessiert die zweite Form – die übernommene Identität. Denn sie prägt unser Denken, unsere Entscheidungen und unser Weltbild oft viel stärker, als uns bewusst ist. Sie bestimmt, zu welcher Gruppe wir uns zugehörig fühlen, wen wir als „uns“ wahrnehmen und wen als „die anderen“. Und sie beeinflusst häufig sogar die Dinge, von denen wir überzeugt sind, sie völlig frei gewählt zu haben. Genau mit dieser Form der Identität möchte ich mich in diesem Artikel beschäftigen.

 

Identität ist eine Geschichte

 

Wenn wir auf die Welt kommen, wissen wir erstaunlich wenig über uns selbst. Ein Neugeborenes weiß nicht, dass es Mexikaner, Schweizer oder Deutsche ist. Es weiß nicht, dass es katholisch, muslimisch oder jüdisch sein soll. Es kennt weder Parteien noch Nationen, weder Traditionen noch gesellschaftliche Rollen.  Es kommt einfach auf die Welt und existiert.

Erst nach und nach beginnen andere Menschen, ihm eine Geschichte über sich selbst zu erzählen. Eltern, Großeltern, Lehrer, Freunde und die Gesellschaft erklären ihm, wer es ist und wo es dazugehört. Du bist Polin. Du gehörst zu dieser Familie. Du gehörst zu dieser Kultur. Du gehörst zu dieser Religion. Du sprichst diese Sprache. Du feierst diese Feiertage. Du glaubst an diese Werte.

Diese Botschaften hören wir nicht nur einmal. Wir hören sie tausende Male. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Irgendwann erscheinen sie uns deshalb nicht mehr wie eine Geschichte, die wir gelernt haben, sondern wie eine selbstverständliche Wahrheit. Wir beginnen, sie als Teil unseres Wesens zu betrachten.

 

Und genau dort beginnt die übernommene Identität.

Menschen verwechseln aber oft Identität mit Wahrheit.

Wenn jemand sagt: „Ich bin Brasilianerin“, klingt das völlig normal. Die meisten von uns würden diesen Satz niemals hinterfragen. Doch streng genommen beschreibt er nicht, wer dieser Mensch ist, sondern wo er geboren wurde. Richtiger wäre eigentlich: „Ich wurde in Brasilien geboren.“

Dasselbe gilt für viele andere Identitäten. Niemand wird katholisch geboren. Niemand wird muslimisch geboren. Niemand kommt als Sozialist, Konservativer, Liberaler oder Grüner auf die Welt. Niemand wird mit einer Partei im Kopf oder einer fertigen Weltanschauung geboren.

Wir werden also in bestimmte Familien, Kulturen und Gesellschaften hineingeboren. Diese Umgebungen prägen uns. Sie beeinflussen unsere Sprache, unsere Werte, unsere Sicht auf die Welt und oft sogar das, was wir für selbstverständlich halten.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Menschen keine eigenen Entscheidungen treffen. Manche hinterfragen später ihre Erziehung, wechseln ihre Religion oder verändern ihre politischen Überzeugungen. Trotzdem lohnt es sich, sich daran zu erinnern, dass der Ausgangspunkt meist nicht unsere eigene Wahl war.

Vielleicht ist genau deshalb eine der interessantesten Fragen überhaupt: Wie viele meiner heutigen Überzeugungen hätte ich noch immer, wenn ich auf einem anderen Kontinent geboren worden wäre? Wenn ich in Indien, Saudi-Arabien, Mexiko oder China aufgewachsen wäre – würde ich die Welt genauso sehen wie heute? Die Antwort auf diese Frage ist oft unbequemer, als wir denken. Denn sie zeigt, wie viel Zufall in unserer Identität steckt und wie vieles von dem, was wir für „uns“ halten, ursprünglich von außen zu uns gekommen ist.

 

Identität gibt Sicherheit

 

Menschen lieben Sicherheit. Das ist zutiefst menschlich. Die Welt ist komplex, voller Unsicherheiten, Veränderungen und Widersprüche. Deshalb versucht unser Gehirn ständig, Ordnung zu schaffen. Es sortiert, kategorisiert und vereinfacht. Identität hilft uns dabei.

Wenn ich sagen kann: „Ich bin Christin“, „Ich bin Schweizerin“, „Ich bin Feministin“, „Ich bin Polin“ oder „Ich bin Verkäuferin“, dann gibt mir das Orientierung. Es vermittelt mir das Gefühl, einen Platz in der Welt zu haben und zu wissen, wer ich bin. Solche Identitäten schaffen Zugehörigkeit. Sie verbinden uns mit Menschen, die ähnlich denken, ähnlich leben oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Daran ist zunächst nichts problematisch. Im Gegenteil: Identität kann Halt geben, besonders in schwierigen Zeiten. Sie kann Gemeinschaft schaffen und uns das Gefühl vermitteln, nicht allein zu sein. Das Problem beginnt erst dann, wenn wir vergessen, dass Identitäten letztlich nur Modelle sind, mit denen wir die Welt vereinfachen. Sie sind Schubladen, keine vollständigen Beschreibungen eines Menschen.

Kein Mensch lässt sich vollständig in eine einzige Kategorie einordnen. Niemand ist nur Polin, nur Christin, nur Feministin oder nur Verkäuferin. Jeder Mensch besteht aus unzähligen Erfahrungen, Eigenschaften, Widersprüchen, Stärken und Schwächen. Doch je stärker wir uns mit einer bestimmten Identität identifizieren, desto größer wird die Versuchung, sie zu einem festen Teil unseres Selbstbildes zu machen.

Und genau dort wird es gefährlich. Denn wenn eine Identität zu wichtig wird, beginnt sie sich gegen Kritik zu immunisieren. Plötzlich werden Fakten nicht mehr objektiv betrachtet, sondern danach bewertet, ob sie zur eigenen Identität passen. Menschen verteidigen dann nicht mehr nur eine Idee oder Überzeugung – sie verteidigen ihr eigenes Selbstbild.

Deshalb kommt es so oft vor, dass Diskussionen emotional eskalieren. Weil die eigene Identität berührt wird. Wer sich stark über eine Religion definiert, erlebt Kritik an dieser Religion oft als persönlichen Angriff. Wer seine Nation zum Mittelpunkt seines Selbstbildes macht, empfindet Kritik am eigenen Land schnell als Kritik an der eigenen Person. Wenn jemand eine Religion kritisiert, hört ein gläubiger Mensch manchmal nicht: „Diese Idee gefällt mir nicht.“

Er hört:

„Du bist falsch.“

Wenn jemand die Politik einer Nation kritisiert, hören manche Menschen nicht: „Diese Entscheidung war problematisch.“

Sie hören:

„Dein Land ist schlecht.“

Und wenn jemand eine Tradition hinterfragt, hören viele nicht: „Lass uns darüber nachdenken, ob das sinnvoll ist.“

Sie hören:

„Das, womit du aufgewachsen bist, ist wertlos.“

 

Nehmen wir die Religion als Beispiel. Manche gläubigen Menschen lehnen homosexuelle Menschen oder andere Lebensweisen entschieden ab, weil sie überzeugt sind, dass diese ihrer religiösen Ordnung widersprechen. Dabei stellen sich nur wenige die Frage, ob sie dieselbe Überzeugung hätten, wenn sie zum Beispiel in einer Familie ohne Religion aufgewachsen wären.

Wie viel von dem, was wir mit voller Überzeugung verteidigen, haben wir tatsächlich selbst gewählt – und wie viel davon wurde uns als Kinder einfach mitgegeben?

Vielleicht würden wir anderen Menschen mit mehr Demut begegnen, wenn wir uns bewusst machten, wie sehr unsere eigene Identität vom Zufall unserer Geburt geprägt wurde. Denn niemand sucht sich seine Eltern aus. Niemand sucht sich das Land aus, in dem er geboren wird. Niemand sucht sich die ersten Geschichten aus, die ihm über die Welt erzählt werden.

Je enger wir also unser „Ich“ mit einer Idee verbinden, desto schwerer wird es, diese Idee objektiv zu betrachten. Vielleicht liegt wahre innere Sicherheit darin, sich bewusst zu machen, dass man mehr ist als jede einzelne seiner Identitäten.

 

Die gefährlichste Frage

 

Es gibt eine Frage, die viele Menschen unbewusst vermeiden. Nicht weil sie besonders kompliziert ist, sondern weil sie an den Grundfesten unseres Selbstbildes rütteln kann.

Die Frage lautet:

«Wer wärst du ohne deine übernommenen Identitäten?»

Wer wärst du ohne deine Religion?

Wer wärst du ohne deine Nationalität?

Wer wärst du ohne die Traditionen, mit denen du aufgewachsen bist?

Wer wärst du ohne die politischen Überzeugungen, die du seit Jahren verteidigst?

Wer wärst du ohne die Geschichten, die man dir über dich selbst erzählt hat?

 

Die meisten Menschen haben auf diese Fragen keine sofortige Antwort. Und genau das macht sie so spannend. Stell dir vor, du wärst nicht in deinem Land geboren worden. Stell dir vor, du wärst auf einem anderen Kontinent aufgewachsen, in einer anderen Kultur, mit einer anderen Religion, einer anderen Sprache und völlig anderen Werten. Wie viele deiner heutigen Überzeugungen wären dann noch dieselben?

Wahrscheinlich deutlich weniger, als du denkst.

 

Diese Vorstellung kann unangenehm sein. Schließlich möchten wir glauben, dass unsere Meinungen, Werte und Überzeugungen ausschließlich unsere eigenen sind. Doch ein großer Teil davon wurde durch unsere Umgebung geprägt. Durch unsere Familie, unsere Kultur, unser Bildungssystem, unsere Freunde und die Gesellschaft, in der wir leben.

Das bedeutet nicht, dass unsere Überzeugungen falsch sind. Es bedeutet lediglich, dass wir uns bewusst machen sollten, woher sie kommen.

Denn nur das, was hinterfragt werden darf, kann wirklich eine freie Entscheidung sein.

Vielleicht besteht wahre Freiheit nicht darin, jede Tradition abzulehnen oder jede Identität abzulegen. Vielleicht besteht sie darin, den Mut zu haben, sich selbst ehrlich zu fragen:

Welche meiner Überzeugungen habe ich tatsächlich selbst gewählt – und welche habe ich einfach übernommen?

Allein diese Frage kann mehr verändern als viele Menschen ahnen.

 

 Die größte Freiheit

 

Je mehr ich über Identität nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass Freiheit vielleicht etwas ganz anderes ist, als wir oft glauben. Viele Menschen verbinden Freiheit mit Geld, Erfolg, Status oder der Möglichkeit, zu tun, was sie wollen. Doch vielleicht beginnt Freiheit schon viel früher. Vielleicht beginnt sie in dem Moment, in dem wir den Mut haben, die Geschichten zu hinterfragen, die wir über uns selbst gelernt haben.

Wir fragen uns viel zu selten: Was davon gehört wirklich zu mir? Welche Überzeugungen habe ich selbst gewählt? Welche Werte entsprechen tatsächlich meinem Inneren? Und welche Dinge halte ich nur deshalb für wahr oder wichtig, weil ich sie seit meiner Kindheit immer wieder gehört habe?

Vielleicht sind Nationalitäten, Religionen, Parteien, Traditionen und viele andere Identitäten nicht so bedeutend, wie wir oft glauben. Vielleicht sind sie hilfreiche Orientierungspunkte. Vielleicht können sie Gemeinschaft schaffen und Menschen verbinden. Doch sie sollten niemals wichtiger werden als die Menschlichkeit selbst.

Denn, bevor wir Polinnen oder Schweizerinnen sind, bevor wir Christen, Muslime, Atheisten, Linke oder Konservative sind, sind wir Menschen. Wir lachen, lieben, leiden, hoffen, träumen und sterben alle auf dieselbe Weise. Vielleicht beginnt wahre Freiheit genau dort, wo wir erkennen, dass wir mehr sind als die Etiketten, die wir tragen.

Und deshalb möchte ich dir zum Schluss eine Frage mitgeben: Wie viel von dem, was du heute für deine Identität hältst, hast du wirklich selbst gewählt? Und wenn du alles entfernen würdest, was dir von außen gegeben wurde – was würde dann übrigbleiben?

 
 
 

1 Kommentar


Kasia.polnisiak
07. Juli

Sehr interessant ❤️

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