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Spiritual Bypassing – Wenn Spiritualität zur Ausrede wird

  • Autorenbild: Monika Viviall
    Monika Viviall
  • 5. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Spiritualität kann etwas Wunderbares sein. Sie kann Trost spenden, Hoffnung schenken und Menschen dabei helfen, bewusster zu leben. Für viele ist sie eine Quelle von Kraft, Mitgefühl und innerem Frieden. Doch wie jede Weltanschauung kann auch Spiritualität missverstanden oder missbraucht werden. Vor allem in manchen esoterischen und spirituellen Strömungen begegnet man einem Phänomen, das als Spiritual Bypassing bezeichnet wird. Gemeint ist damit die Tendenz, spirituelle Erklärungen zu benutzen, um sich unangenehmen Gefühlen, schwierigen Fragen oder gesellschaftlicher Verantwortung nicht stellen zu müssen.

Typische Aussagen sind zum Beispiel:

„Du hast dir dieses Leben selbst ausgesucht.“

„Diese Krankheit ist eine wichtige Lektion für deine Seele.“

„Du hast das selbst manifestiert.“

„Die Menschen erleben genau das, was sie erleben sollen.“

Oder auch:

„Diese Seele hat sich diese Erfahrung ausgesucht.“

Solche Aussagen können im ersten Moment beruhigend wirken. Sie geben dem Leid einen Sinn und vermitteln das Gefühl, dass letztlich alles Teil eines größeren Plans ist.

Doch genau hier beginnt für mich das Problem.

Vor einigen Jahren stellte ich in einem spirituellen Forum eine Frage. Das Forum beschäftigte sich mit den Büchern Gespräche mit Gott. Ich schrieb, dass ich oft Schuldgefühle habe, wenn ich mir wünsche, mehr zu reisen, mehr Geld zu verdienen oder mir irgendwann ein schöneres Auto leisten zu können. Es ging mir dabei nicht nur um Geld. Es ging um das Gefühl, bereits in einem der wohlhabendsten Länder der Welt zu leben, während andere Menschen hungern, keine Bildung erhalten oder unterdrückt werden. Manchmal fragte ich mich, ob ich überhaupt das Recht habe, mir noch mehr zu wünschen.

Die Antwort lautete sinngemäß, ich müsse kein schlechtes Gewissen haben. Ich hätte wahrscheinlich schon viele Leben gelebt und sei vielleicht selbst einmal ein armes Kind in Afrika oder eine unterdrückte Frau gewesen. Heute dürfe ich dieses Leben genießen. Die Menschen, die jetzt leiden, seien früher vielleicht reich gewesen oder hätten sich dieses Leben bewusst ausgesucht, um bestimmte Erfahrungen zu machen.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich diese Antwort gelesen habe. Sie hat mich nicht beruhigt. Sie hat mich nachdenklich gemacht.

Was passiert, wenn eine spirituelle Überzeugung dazu führt, dass wir weniger Mitgefühl empfinden? Wenn ich glaube, dass jeder Mensch sein Leid selbst gewählt hat, fällt es mir vielleicht leichter, wegzuschauen. Wenn Armut Teil eines höheren Plans ist, muss ich mich nicht mehr fragen, ob ich etwas verändern sollte. Wenn Unterdrückung lediglich eine Erfahrung der Seele ist, verliere ich vielleicht den inneren Antrieb, mich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Für mich fühlt sich das wie eine gefährliche Verschiebung an. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr auf den Menschen, der leidet, sondern auf eine Erklärung dafür, warum dieses Leid angeblich notwendig ist.

Dabei beobachte ich ähnliche Mechanismen nicht nur in manchen esoterischen Strömungen. Auch Religionen können dazu verleiten, schwierige Fragen vorschnell mit Glaubenssätzen zu beantworten. Aussagen wie „Das ist Gottes Wille“ oder „Dafür wird man im Himmel belohnt“ können Trost spenden. Sie können aber auch dazu führen, dass Menschen Ungerechtigkeit eher hinnehmen, statt sie zu hinterfragen oder zu verändern.

Mir geht es nicht darum, Spiritualität schlechtzureden. Im Gegenteil. Ich glaube, dass sie  Menschen inspirieren kann, liebevoller, bewusster und verantwortungsvoller zu leben.

Doch genau daran messe ich jede Weltanschauung.

Macht sie mich mitfühlender?

Macht sie mich verantwortungsbewusster?

Lässt sie mich die Welt klarer sehen – oder liefert sie mir nur Erklärungen, damit ich mich mit unangenehmen Realitäten nicht mehr auseinandersetzen muss?

Für mich beginnt echte Spiritualität dort, wo sie mich nicht von der Realität entfernt, sondern mich ihr näherbringt. Wo sie mich nicht dazu bringt, Leid zu erklären, sondern Leid zu lindern. Wo sie mich nicht beruhigt, indem sie sagt: „Das musste so sein“, sondern mich fragt: „Was kannst du tun, damit die Welt ein kleines Stück besser wird?“

Vielleicht besteht wahres Bewusstsein nicht darin, auf jede Frage sofort eine spirituelle Antwort zu haben. Vielleicht besteht es darin, den Schmerz anderer Menschen ernst zu nehmen, auch wenn wir ihn nicht erklären können.

Denn eine Überzeugung, die mein Mitgefühl verkleinert oder meine Verantwortung reduziert, bringt mich persönlich nicht näher zur Wahrheit. Eine Spiritualität, die mehr Menschlichkeit, mehr Liebe und mehr Mitgefühl entstehen lässt, dagegen schon.




 
 
 

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